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Locavore

Dieser Begriff, zusammengesetzt aus den lateinischen Wörtern „locus“ (der Ort) und vorare“ (verschlingen, fressen), lässt sich wörtlich mit „jemand, der den Ort verschlingt“ übersetzen. Der Ausdruck bedeutet, dass der Ort des Konsums wichtiger ist als das konsumierte Objekt selbst. Dementsprechend lässt sich „Locavores“ auf Personen beziehen, die sich bewusst dafür entscheiden, Produkte und Lebensmittel aus ihrer Umgebung zu konsumieren. In diesem Zusammenhang wird gerne der 160–200 km Radius genannt.

Obwohl sich der Konsum regionaler Produkte traditionell auf Lebensmittel bezieht, hat sich das Konzept inzwischen auf andere Aspekte des täglichen Lebens ausgeweitet: Energie, Bekleidung, Kosmetik … Dabei ist es nicht immer ganz einfach, sich strikt an die 200-KilometerRegel zu halten. So ist jeder Verbraucher frei, sich seine eigenen Grenzen zu setzen. Dennoch: Für die Europäer bleibt ein „regionales“ Produkt in erster Linie ein Produkt, das in ihrer eigenen Region hergestellt wurde.

Auch als „Lokalismus“ bekannt, wurde das Konzept hauptsächlich durch ökonomische Theorien aus dem 20. Jahrhundert von Ökonomen wie Leopold Kohr, Ernst Friedrich Schumacher oder auch Kirkpatrick Sale
inspiriert. Sie sprachen sich dafür aus, wirtschaftliche und sozialen Angelegenheiten auf lokaler Ebene zu lösen.

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Zunächst waren die Herstellung und der Konsum regionaler Produkte die Sache der Alternativ- und Ökobewegung. Mittlerweile ist er für viele zu einer Lebensphilosophie geworden und eine Möglichkeit, die eigenen Wurzeln und soziale Verbundenheit zu pflegen.

Ursprung und Pioniere des „Lokalismus“

Die Bewegung Local First wurde in den 1980er-Jahren ins Leben gerufen und schuf Bündnisse, die in den
USA immer noch stark präsent sind, wie die Business Alliance for Local Living Economies (BALLE) und die American Independant Business Alliance (AMIBA).

In Frankreich tauchten sie zu Beginn der 2000erJahre auf, in der Form von AMAPs (Association pour le
Maintien d’une Agriculture Paysanne). Nach dem gleichen Prinzip wie in den USA verpflichtet sich der
Verbraucher gegenüber einer Gruppe von Gemüseanbauern und erhält jede Woche einen Korb mit frischem Obst und Gemüse, ausgeliefert direkt vom Produzenten und oftmals in Bioqualität.

Schon seit 1978 werden Verbraucher im Kanton Genf über die sogenannten Jardins de Cocagne versorgt. Das Konzept fand daraufhin in ganz Europa Zuspruch und führte zur Gründung der FoodCoops in Großbritannien, den solidarischen Einkaufsgruppen in Italien und der GASAP (Groupes d’Achat Solidaires pour L’Agriculture Paysanne) in Belgien.

Die Rückkehr der Landwirtschaft in den Städten

Wenn sich die Distanz zwischen Produktionsort und Verbrauch verkürzen soll, dann lässt sich der Gemüseanbau doch gleich ins Stadtzentrum verlegen: Der Pariser Vorort Montreuil ist im Jahr 2019 Veranstaltungsort für La Cité Nourricière, ein „Projekt zur städtischen Selbstversorgung mit Lebensmitteln“. Vor den Toren Paris wird eigenes Obst und Gemüse angebaut, wobei teilweise traditionelle Produktionsverfahren Anwendung finden.

In den Niederlanden wurden mit dem Projekt Rooftop Revolution mehr als 14.000 Quadratmeter Dachfläche in drei verschiedenen Städten begrünt. In Spanien hält mit den Optimus Gardens die städtische Landwirtschaft Einzug in Restaurants und Wohnhäuser, und das mithilfe eines Systems aus vertikalen Hydrokulturen.

Der Handel als Quelle des Wohlfühlens und guten Selbstgefühls?

Genossenschaftliche Supermärkte werben mit kurzen Vertriebswegen, verleihen dem Akt des Kaufens Sinn und können die Verbundenheit der Bewohner mit ihrem Umfeld stärken. Tom Booth ist Gründer der Kooperative La Louve, dem ersten genossenschaftlichen und partizipatorischen Supermarkt in Paris. In der Sendung Circuits Courts des französischen Senders Europe 1 bringt er es auf den Punkt: „Unsere Kunden fühlen sich bei uns zu Hause.“ So kann sich eine neue Beziehung zum Lebensmittel-Fachhandel entwickeln, und der Einkauf bekommt eine neue Bedeutung, die Menschen miteinander verbindet und so Sinn verleiht.

Die Idee, regionale Produkte zu fördern, steht auch nicht im Widerspruch zum konventionellen Handel. In den Regalen des französischen Supermarkts Carrefour finden sich Produkte der Marke „C’est qui le Patron?!“ („Wer ist hier der Chef?“). „Eine Marke mit Sinn, die unserem Konsum mehr Bewusstsein verleiht.“
Dazu hat sich die Handelskette Système U aus der Region Vendée mit regionalen Produzenten zusammengeschlossen, die seit Juli 2018 ihre Produkte unter der Marke Juste et Vendéen (Fair und aus der Region Vendée) vertreiben.

Herstellung und Konsum regionalerProdukte: Ein Job-Motor?

Ein Bericht des Conseil d’Orientation pour l‘Emploi (COE) vom Juni 2018 geht davon aus, dass in Frankreich zum Beispiel etwa 150.000 Arbeitsplätze durch verantwortungsbewussten Konsum geschaffen werden könnten. Dazu müssten die französischen Haushalte statt Importprodukte die entsprechenden Erzeugnisse aus französischer Produktion kaufen. Wenn nur zehn Prozent der importierten Konsumgüter durch einheimische Produkte ersetzt würden, flössen mehr als 13 Milliarden Euro zusätzlich in die französische Wirtschaft.

Rossignol (Skiausrüstung), Repetto (Schuhe), Smoby und Meccano (Spielzeug), Majencia (Büromöbel) haben ihre Produktionsstandorte ganz oder teilweise nach Frankreich verlegt und sich dabei von Qualitäts- und Logistiküberlegungen leiten lassen. Außer Qualität, Kosten und Lieferzeiten kann die geografische Nähe von Unternehmen zu großen universitären Forschungs- und Ausbildungsstätten auch Vorteile im Hinblick auf ihre Produktivität und Innovation bieten.

Regionalwährungen: Quelle von Stolz und wirtschaftlicher Dynamik

2015 machte das Baskenland mit einer neuen Währung, dem Eusko, Schlagzeilen. Das Konzept der zusätzlichen Regionalwährung erlaubt es, einen Sinn für Identität wiederzubeleben. Der baskische Eusko ist die am häufigsten verwendete Regionalwährung Europas und hat als Vorbild gedient, als nach der Neustrukturierung der französischen Regionen mehr als 60 neue Regionalwährungen entwickelt wurden.

Auch andere europäische Länder gehen ähnliche Wege: Zahlreiche zusätzliche Regionalwährungen wurden nach 2008 entwickelt. „Gibt es ein Finanzproblem, muss es auch eine Finanzlösung geben“, dieses Motto inspirierte die Gründung des Sardex, der Regionalwährung Sardiniens (Italien). Auch die slowakische Region Košice versuchte, ihre Wirtschaftsentwicklung zu unterstützen, indem sie 2015 den Ducat erschuf, dessen Wechselkurs zum Euro 1:1 beträgt.

Regional und digital sind nicht zu trennen

Wie gut digitale Techniken mit dem Konsum regionaler Produkte zusammenpassen, zeigt der Erfolg von La Ruche Qui Dit Oui! (Der Bienenkorb, der ja sagt). Die 2010 gegründete Internetplattform besteht aus kleinen Verbrauchergemeinschaften (die sogenannten „ruches“, also „Bienenkörbe“), die sich direkt mit den Produzenten in Kontakt setzen, um ihr Obst und Gemüse zu günstigen Preisen zu kaufen. Es existieren mehr als 800 Bienenkörbe in Frankreich, mit Zugang zu mehr als 4.500 Produzenten, deren Standort im Durchschnitt 43 Kilometer von den Bienenkörben entfernt liegt, die sie beliefern. La Ruche Qui Dit Oui! wurde mittlerweile bereits auf acht weitere europäische Länder ausgeweitet, darunter Dänemark, die Schweiz und die Niederlande. Ihre Pendants in Italien (Loonity) und Spanien (Farmidable) sind ebenfalls zunehmend erfolgreich.

Digitale Techniken können auch helfen, die Lebensmittelverschwendung zu bekämpfen. Laut dem App-Anbieter Too Good To Go wird weltweit ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen, und acht Prozent der Treibhausgasemissionen sind auf Lebensmittelverschwendung zurückzuführen: Wäre Lebensmittelverschwendung ein Land, würde es den dritten Platz nach China und den USA einnehmen. Entwickelt wurde Too Good To Go in Skandinavien und ist mittlerweile in Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, Dänemark und Norwegen im Einsatz. Die App ermöglicht es den Nutzern, unverkaufte Lebensmittel regionaler Unternehmen zu kaufen, egal, ob es sich dabei um Gebäckstücke oder im Restaurant zubereitete Speisen handelt. Eine Win-win-Situation, die sowohl ökonomisch wie ökologisch Sinn ergibt.

Der neue Fokus auf Qualität und Versorgungssicherheit ist nicht nur ein Thema im Lebensmittelbereich. Auch in anderen Bereichen gibt es Entwicklungen, die der Philosophie der „Lokalisten” entspricht.

Energie

Der Transport organischer Abfälle zur Biogasanlage verursacht CO2-Emissionen und macht so Biogasgewinnung weniger umweltfreundlich. Das britische Unternehmen Seab Energy hat dafür eine Lösung gefunden. Mit ihren mobilen „wasteto-energy“-Containern wird Energie dort produziert, wo der Brennstoff anfällt.

Wie im Solarbereich der private und öffentliche Sektor zusammenarbeiten können, zeigt das regionale demokratische Gemeinschaftsprojekts Solaire d’ici in der Gegend um Grenoble. Im Bereich Windkraft ist die Initiative der dänischen Insel Samsø ein gutes Beispiel. Samsø hat sich zur „Insel der erneuerbaren Energie“ mit 21 Windkraftanlagen entwickelt. Die Anlagen gehören größtenteils den Einwohnern selbst und ermöglichen es ihnen, sich komplett selbst zu versorgen. Deutschland wiederum ist das Land mit den meisten Energiegenossenschaften. 2017 gehörten nicht weniger als 42 Prozent der Kapazitäten für erneuerbare Energie (100,3 Gigawatt) den Bürgern und Kooperativen.

Tourismus

Die Interreg Initiative wurde von der Region Savoie-Mont Blanc und den Schweizer Nachbarn gegründet, um die Frage zu beantworten: „Wie kann der Konsum regionaler Produkte gefördert werden, insbesondere in der Tourismusbranche?“ Antworten darauf liefert in der Schweiz das Netzwerk der Tavolatas. Es besteht aus Bauernhöfen, die ihren Gästen Speisen anbieten, für deren Zubereitung sie nur Erzeugnisse ihres eigenen Hofes oder von regionalen Produzenten verwenden.

Die Stadt Florenz (Italien) verfolgt das gleiche Ziel und reagiert auf den regelrechten Boom an Fast-Food-Restaurants, indem sie für alle Restaurants der Stadt vorschreibt, dass 70 Prozent der verwendeten Zutaten aus der Region stammen müssen.

Kosmetik

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass auch die Kosmetikbranche Ansätze der neolokalistischen Philosophie zeigt? Zwar sind es nur kleine Schritte, aber dennoch erwähnenswert. So bietet die französische Website slow-cosmetique.com ein umfassendes Angebot an notwendigen Wirkstoffen und Zutaten für diejenigen Kunden an, die ihre Pflegeprodukte zu Hause selbst herstellen wollen. Zudem unterscheidet sich die Seite von anderen dadurch, dass sie systematisch die Herstellungsorte angibt, die allesamt in Frankreich liegen. Die Produzenten müssen sich darüber hinaus an eine spezielle Charta halten, die u. a. den „lokalen Einkauf” vorsieht. Erwähnenswert ist auch Makesenz, eine Marke, deren Produkte ausschließlich im eigenen Brüsseler Labor oder von ihren Partnern mit Sitz in Belgien hergestellt werden.

Bekleidung

Bekleidung komplett in einer Region herzustellen, bleibt ein schwieriges Unterfangen, da die Fasern, Grundlage für jeden Stoff, derzeit fast ausschließlich jenseits unserer Grenzen hergestellt werden. So sind es vor allem Leinenfaser sowie Hanf, die als Material infrage kommen, wenn es darum geht, Kleidung mit kurzen Lieferketten herzustellen. Es gibt jedoch Initiativen zur Wiederbelebung bestimmter Industrien vor Ort, insbesondere der Baumwollproduktion. Ein Beispiel dafür ist Jean Fil, dessen Poloshirts vollständig aus französischer Herstellung stammen, „vom Feld bis zur Konfektion“. Die im Département Gers angebaute Baumwolle gilt sogar als besonders hochwertig. Suzanne Lee, britische Modedesignerin, geht sogar noch einen Schritt weiter. Ihrer Meinung nach ist die Zukunft der Textilproduktion hyperlokal, da sie direkt zu Hause beim Verbraucher stattfinden wird. Das ist zumindest die Idee hinter ihrem BioCouture-Projekt, das es erlauben soll, eigene Stoffe aus lebenden Mikroorganismen zu „züchten“.

Bauen

In Norwegen hat der Architekt Oystein Elgsaas erfolgreich den ersten Wolkenkratzer aus Holz gebaut, dessen am Bau beteiligten Lieferanten ausschließlich aus einem Umkreis von weniger als 20 Kilometern kommen. Der Mjøsa-Turm ist mit 85 Metern das höchste Holzgebäude der Welt und wurde im Frühjahr 2019 eingeweiht. Auch andere Naturmaterialien können für den Bau verwendet werden und sind mit dem regionalen Ansatz vereinbar. Bereits in neun Regionen baut die Vereinigung Chanvriers en Circuits Courts Hanf für die Produktion von ökologischen Baustoffen (Hanfbeton) an und will diese mit möglichst kurzen Lieferketten regional vermarkten.